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Religion und Naturwissenschaft
Der Beitrag Hildegard von Bingens zur Pflanzenheilkunde
In München lebt ein - inzwischen schon recht groß gewordenes - Kind, das bereits im Säuglingsalter eine schwerwiegende Herzoperation über sich ergehen lassen musste. Seine Eltern sind davon überzeugt, dass es den Eingriff und die kritischen Jahre danach nur deshalb so gut überstanden hat, weil der Arzt der Familie das Mädchen ausschließlich nach einer Methode behandelte, die vor mehr als 800 Jahren entwickelt wurde. Kind und Eltern vertrauen wie viele tausend weitere Patienten in ganz Mitteleuropa einem Therapiesystem, das einer der faszinierendsten Frauengestalten des Mittelalters zugeschrieben wird: der heiligen Hildegard von Bingen.
Die um 1098 geborene Äbtissin der Benediktinerinnen-Klöster Didisbodenberg im ehemaligen Fürstentum Zweibrücken und Rupertsberg bei Bingen
- legte in den 80 Jahren ihres Lebens nicht nur ihre Visionen und Offenbarungen in ihren berühmten Werken theologischen Inhalts nieder - wie "Scivias" (von "Scivias domini"/erkenne die Wege des Herren),
- lebte entsprechend den Ordensregeln der Benediktiner,
- arbeitete sicher auch in der Krankenpflege,
- führte einen ausführlichen Briefwechsel mit den Mächtigen der damaligen Zeit,
- unternahm Pilgerreisen,
- prangerte die damaligen Missstände in der Kirche und die Verweltlichung des Klerus vehement an.
Zu den ebenfalls ganz großartigen Werken, die sie der Welt hinterließ, zählen zwei Schriften medizinischen Inhalts. Diese gelehrte Frau hat sie in ihrem 6. Lebensjahrzehnt verfasst. Bekannt sind die Bücher
- als "Physika", als "Naturkunde" und
- als "Causae et curae", als "Heilkunde".
Eines der Bücher ist eher ein Arzneibuch, das andere beschäftigt sich mit "dem Grund und Wesen der Heilung der Krankheiten".
Auf das Gesamtwerk bezogen nehmen die medizinischen Bücher einen relativ kleinen Raum ein, und der Beitrag Hildegard von Bingens zur Pflanzenheilkunde ist wiederum nur ein kleiner Teil davon, da die naturkundlichen Schriften das gesamte medizinische Weltbild der Heiligen darstellen und sich zum Beispiel auch
- mit dem Bauwerk des Kosmos,
- der Entstehung des Menschen,
- mit Ernährung, Lebensführung auch zum Beispiel im Bezug auf Ehe und Partnerschaft -,
- den Tugenden des Arztes usw. befassen.
Selbst der sexuelle Bereich wird überraschend detailliert dargestellt. Vor 800 Jahren wusste die geniale Benediktinerin bereits, dass das, was wir als Gesundheit definieren, vom Heil des Körpers und der Seele abhängt.
Gesundheit erklärt sie (wie manch anderer begabter Heilkundiger der verschiedenen Kulturkreise in Ost und West) als Harmonie des Körpers und der Seele mit Gott und der Umwelt und Krankheit als Störung dieser Harmonie.
Freilich, nicht alles was sich in Hildegards Büchern findet, klingt aus heutiger Sicht noch vernünftig und anwendbar. Manche Rezepte lesen sich zum Teil schauerlich. Etwa jene, die gegen "Zauberei" und ähnliches helfen sollen.
Dabei muss man jedoch berücksichtigen, dass die Anwendungsweisen vor allem für den mittelalterlichen Menschen geschrieben wurden, der an Geister und Dämonen glaubte.
Wer überzeugt war, "verzaubert" worden zu sein, konnte sicher durch ein "Zauberkraut" wieder geheilt werden.
Der überwiegende Teil der pflanzlichen Heilmittel Hildegard von Bingens stell einen unbezahlbaren Wissensschatz dar aus dem unsere Großeltern und Urgroßeltern teilweise noch schöpften. Sie hatten ja zu ihrer Zeit meist nichts anderes als pflanzliche Heilmittel. Und mit ihnen erzielten sie oft erstaunliche Heilerfolge.
Mit den sensationellen Fortschritten der Pharmaindustrie war vieles davon zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Unter dem Stichwort "Arzneipflanzen" wird zum Beispiel in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahre 1885 noch eine Übersicht des Erlanger Professors Rosenthal erwähnt, der "über 8000 Arten aufzählte, ohne irgendwie Vollständigkeit zu erreichen". Doch dann heißt es: "Die neuere Medizin, deren Streben ohnehin auf Vereinfachung der ärztlichen Verordnungen gerichtet ist, hat vollends sehr viele früher geschätzte Arzneipflanzen fallen lassen. So führt die 'Pharmacopoea germanica' noch nicht 200 Pflanzen auf, von denen überdies eine Anzahl, wie Kirsche, Himbeere, Raps, Kakao etc. gar nicht als Arzneipflanzen zu bezeichnen sind, und andere, wie Rose, Linde etc. kaum noch von Ärzten angewandt werden."
So war die Situation vor hundert Jahren. Auch wissen heute meist nur noch ältere Heilkundige, dass man während eines 200-Meter-Spazierganges im Wald oder über eine Wiese schon auf Dutzende von heilkräftigen Pflanzen stößt.
Inzwischen ist man jedoch dabei, diesen "Bildungsrückstand" wiederaufzuholen, Man weiß mehr über den menschlichen Körper - und auch über die Inhaltsstoffe der Pflanzen. Mit dazu beigetragen hat eine Maßnahme des Gesetzgebers, das Arzneimittelgesetz von 1976. Dieses zweite Arzneimittelgesetz erkennt die Heilung mit Pflanzenwirkstoffen als selbständige und eigenständige Therapierichtung an. Es schreibt aber vor, dass alle in den Bereich der sogenannten "Phytopharmaka" fallenden Heilmittel durch das Bundesgesundheitsamt beurteilt werden müssen - und zwar sowohl bezüglich ihrer "Wirksamkeit" als auch der "Unbedenklichkeit". Sie benötigen künftig eine sogenannte "Standardzulassung". Als wissenschaftliches Erkenntnismaterial dienen dazu sowohl kontrollierte klinische Studien als auch die ärztliche Erfahrung.
Gesammelt wird alles u.a. bei der sogenannten "Aufbereitungs- und Zulassungs-Kommission E" beim Berliner Bundesgesundheitsamt. Sie soll bis zum 31. Dezember 1989 die wesentlichen Drogen pflanzlicher Herkunft beurteilt haben. Viele von Hildegards Heilmitteln "bestanden" diese Prüfung schon erfolgreich.
Außerdem ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dabei, das vorhandene Wissen über die Verwendung von Heilkräutern bei allen Völkern zu sammeln, damit es nicht verloren geht. Eine gewaltige Aufgabe, wenn man berücksichtigt, dass es 200.000 verschiedene Pflanzen gibt. In 24 Ländern gibt es bereits Zentren zur Erforschung der traditionellen Heilverfahren.
Wenn jetzt Beispiele zum Beitrag Hildegard von Bingens zur Pflanzenheilkunde vorgestellt und die Anwendungsvorschläge der Heiligen mit den jüngsten Erkenntnissen der pharmakologischen Forschung verglichen werden, dann wird auffallen, dass nicht nur heimische Heilkräuter, sondern auch ausgesprochen exotische Arzneipflanzen eingesetzt wurden, die - und dies bereits vor 800 Jahren - bis aus China kamen.
Möglich war dies durch ein Netz von Handelsverbindungen, das arabische Kaufleute schon vor Beginn unserer Zeitrechnung bis nach Ostasien knüpften. Karawanen kamen auf dem Landweg über Kandahar bis nach Persien. Seefahrer aus Oman fuhren mit ihren Daus seit dem 3. Jahrhundert nach Indien, Malaysia und China. Gewürze und Arzneipflanzen, die sie mitbrachten, wurden über die arabischen Handelszentren Hormoz; und Aden mit Karawanen nach Alexandrien und Konstantinopel gebracht.
So konnte der im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt lebende römische Gelehrte Plinius berichten, dass es zu seiner Zeit in Konstantinopel schon Zimt aus Ceylon, Pfeffer aus Indien und Ingwer aus Malaysia gab - alle drei Heilmittel Hildegards.
Nicht verschwiegen werden soll, dass diese Gewürze und Arzneipflanzen in Europa damals unermesslich teuer waren. Hildegards Rezepte waren damals nicht in jedem Fall für jedermann finanzierbar.
Ich will hier vorwiegend Heilkräuter vorstellen, die Hildegard auch aus heutiger Sicht absolut zutreffend einsetzte, ja bei denen Laborversuche in jüngster Zeit auf faszinierende Weise bewiesen, wie recht die Heilige mit ihren Empfehlungen hatte.
Danach erwähne ich auch einige Arzneipflanzen, deren Anwendung aus heutiger Sicht im Sinne Hildegards nur teilweise - oder in wenigen Fällen - gar nicht sinnvoll erscheint. Doch Hildegard hat meist viele Heilkräuter miteinander kombiniert, und möglicherweise ist unsere Forschung in verschiedenen Fällen lediglich noch nicht so weit, um nachweisen zu können, dass die Heilpflanzen in ihrer Kombination doch entsprechend der Rezepte wirkten.
Erwogen werden muss ferner, dass es keines der Bücher Hildegards mehr im Original gibt. Weder das, was die Heilige vor der Erfindung der Buchdruckerkunst zu Papier brachte, noch die ersten Abschriften sind vorhanden. Erst aus dem 13. bis 16. Jahrhundert liegen Abschriften der Medizinbücher Hildegards vor. Manchen Forschem fehlt deshalb der "kriminalistisch genaue Nachweis" über die Autorschaft der Heiligen. Der bedeutende Medizinhistoriker Heinrich Schipperges schreibt in dem Buch "Hildegard von Bingen, Heilkunde": "Es liegt in der Natur einer solchen Schriftgattung, wie auch in den Gepflogenheiten des Mittelalters, dass diese Handschriften mancherlei Umarbeitung und Zusätze erfahren haben können ... Der Schreiber ... hat nach bestimmten Tendenzen verschiedene Themata zusammengefasst, mag dabei gekürzt und gestrafft, andererseits aber auch Eigenes oder aus fremden Quellen brauchbar Erscheinendes eingeflochten haben."
Eine Abschrift von Hildegards medizinischem Werk war 1859 zufällig von Carl Jessen in Kopenhagen entdeckt worden. Sie stammt aus dem 13.
Jahrhundert. Nach Professor Schipperges enthält die Handschrift ganze Abschnitte, die "unecht" sind, also vom Kopisten angefügt wurden. Der Medizinhistoriker meint insbesondere das sogenannte "Empfängnis-Lunar" am Schluss der Schrift.
Nach vernünftig erscheinenden Vorschriften zur Krankenbehandlung - etwa über die Behandlung des Hustens - kommen plötzlich Überlegungen, wie aus dem Augenblick der Zeugung eines Menschen auf dessen Charakter geschlossen werden kann.
Professor Schipperges sagt dazu: "Solches System der Mondhäuser ist orientalischer Herkunft und steht in konträrem Gegensatz zu allen übrigen Aussagen Hildegards. Neben formalen und gehaltlichen Einwänden lassen sich Bedenken vom philologischen Gesichtspunkt geltend machen."
Der Medizinhistoriker betont aber auch: "Daraus darf nicht geschlossen werden, dass weite Strecken oder die gesamte Textgebung unecht wären. Wir haben aus inneren und äußeren Kriterien genügend Beweisstücke für die Autorenschaft Hildegards."
Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem Umstand, dass sich in allen mittelalterlichen Schriften die Heilpflanzen nicht in jedem Fall eindeutig identifizieren lassen. Verschiedene Pflanzen wurden mit dem gleichen Namen aufgeführt, es gab unterschiedliche Bezeichnungen für das gleiche Heilkraut. Eine einheitliche Nomenklatur schuf ja erst Carl von Linne im 18. Jahrhundert. Das gleiche gilt für die Krankheitsbezeichnungen.
Bevor ich nun endgültig zu den Pflanzen komme, will ich noch erwähnen, dass die Zitate betr. die "Verwendung der Heilpflanzen bei der heiligen Hildegard von Bingen" aus dem Hildegard-Band "Ursachen und Behandlungen der Krankheiten" stammen, übersetzt von Hugo Schulz und erschienen im Haug-Verlag.
Beinwell:
(Symphytum officinale L.) (Abb. 1), eine weit verbreitete einheimische Pflanze, wird von der Heiligen mehrfach eingesetzt. In den Schriften findet sich ein Rezept zur Heilung von Bauchfellrissen.
Bauchfellriss ist keine heute übliche Bezeichnung, vielleicht meinte die Heilige einen Bauchdeckenbruch.
Beinwellkraut wird in diesem Fall mit Sellerie in gutem Wein gekocht. Die dabei verwendeten Pflanzen müssen auf den Bauch gelegt werden, der Wein wird mit Zucker und Honig und einem "pulverisierten Zitwer" versetzt getrunken. Zitwer ist nicht eindeutig identifiziert. Es könnte sich vielleicht um ein Schleier- oder Gipskraut handeln (Glypsophila). Es heißt dann: "Diesen Wein soll er immer trinken, bis er geheilt wird, weil die Kälte des Beinwells im Verein mit der Wärme des Weines den Riss wieder zusammenzieht."
Zugleich empfiehlt die Heilige Beinwell zur Behandlung von Geschwüren.
Beinwell, vorwiegend seine Wurzeln, wurde bei vielen Völkern zur Heilung von Knochenbrüchen eingesetzt. Daher kommt auch der deutsche Name. "Bein" heißt im Althochdeutschen "Knochen", und "wallen" kann als "durchblutungsfördernd" verstanden werden, was in jedem Fall eine Heilung beschleunigt.
In den Wurzeln des Beinwells befinden sich viele Schleimstoffe, Gerbstoffe und vor allem Allantoin. Allantoin fördert die Bildung von Granulationsgewebe, gefäßreichem Bindegewebe, das über Verletzungen entsteht und sich später in Narben umwandelt. Die Forschungen sind noch nicht abgeschlossen.
Bibernelle:
Die Bibernelle (Pimpinella saxifraga), die zu den geheimnisvollsten Zauberpflanzen gehörte, die Menschen der Sage nach von Feen oder ähnlichen überirdischen Wesen gegen Krankheiten empfohlen wurde, verwendet Hildegard auch in Kombination mit anderen Pflanzen.
Bibernellsaft wird mit Extrakten der Osterluzei sowie der Wolfsmilch und des Ingwers in kleine, aus Weizenmehl hergestellte Kuchen eingemischt und "in der Sonne oder im schon beinahe abgekühlten Backofen" getrocknet. Bei Verdauungsbeschwerden "bringt die Wärme der langen Osterluzei, die ziemlich stark und ziemlich scharf ist, durch die Kälte des Bibernells gemildert, die schlechten Säfte im Menschen in Bewegung ...".
Zu diesem Rezept ist vielleicht anzumerken, dass die Osterluzei in Verruf geraten ist, weil sie krebserregende Stoffe enthält.
Andere kleine Kuchen, aus Bibernell, Kümmel, Pfeffer und Weizenmehl gebacken, helfen gegen Erbrechen. Bekannte Wirkstoffe der Pflanze sind ätherische Öle, Gerbstoffe und Cumarine wie Pimpinellin.
Sie wirken leicht harntreibend, auswurffördernd bei Husten und Verschleimung und haben möglicherweise Einfluss auf die Menstruation.
Tee wird heute noch bei Erkältungen, aber im Sinne Hildegards auch bei Magen-Darm-Problemen empfohlen.
Brunnenkresse:
(Nasturtium officinale L.) (Abb. 2) wird bei der heiligen Hildegard von Bingen als Mittel bei Fieber und Verdauungsbeschwerden empfohlen.
Das in der Pfanne enthaltene Senfölglykosid Glykonasturtiin wirkt gegen verschiedene Bakterien, ohne die Nebenwirkungen der üblichen Antibiotika zu haben. Zugleich fördert es die Durchblutung von Hautbezirken. Die Bitterstoffe regen die Magensaftproduktion und die Darmtätigkeit an. Wertvoll sind auch die Vitamine A, C und D.
In der modernen Pharmaindustrie wird Brunnenkresse nicht verwendet, da ein Kressensenföl enthaltendes Präparat, das bei Nierenbeckenentzündungen, Soorinfektionen des Urogenitalbereichs und Bronchitis helfen kann, aus der Kapuzinerkresse (Tropaelum majus) hergestellt wird.
In der häuslichen Anwendung wird Saft bei leichten Harnwegsinfektionen, Erkältungen, grippalen Infekten sowie wegen der enthaltenen Vitamine A, C, D gegen "Frühjahrsmüdigkeit" angewendet. Empfohlen wird ein Esslöffel pro Tag.
Da die Wirkstoffe erst im Darm freigesetzt werden und dort bei einer Überdosis eine überstarke Durchblutung der Unterleibsregion auslösen können, wird schwangeren Frauen von der Einnahme des Brunnenkressesaftes abgeraten. Ein paar Blätter der Pflanze auf dem Quarkbrot schaden nicht.
Dinkel:
(Triticum spelta L.) wird bei der heiligen Hildegard von Bingen als das "beste Korn" bezeichnet, "macht seinem Esser rechtes Fleisch und rechtes Blut, frohen Sinn und freudig menschliches Denken". Der Hildegard-Arzt Dr. Hertzka machte das Getreide, das wegen der etwas schwierigen Ernte keine größere Verbreitung gefunden hat, zu einer der Säulen seiner Diät. Und er berichtet über Heilerfolge auch in schwierigen Fällen.
Die Körner enthalten u.a. wertvolle Vitamine, Spurenelemente, Fette u.a. Ihre exakte Wirkung ist wissenschaftlich nicht ausreichend erforscht.
Ein Kreis von Hildegard-Medizinern hat eine Dinkeldiät eingeführt. Es gibt Dinkelreis, Dinkelkuchen, Dinkelpalatschinken, Dinkelsuppen usw. Viele Gesundheitsprobleme sollen alleine damit gelöst werden - etwa schwierigste Verdauungsprobleme nur mit einer Dinkelreiskur. So heißt es zum Beispiel im St. Hildegard Kurier (Nr. 22, 1983): Von Dinkel kann man gar nicht genug erwarten. Wenn Dinkel nur gesundes Fleisch und gesundes Blut bildet und der Kranke eben nur Dinkel isst, dann kann auch nur gesundes Fleisch und Blut werden. Dinkel spielt als bestes Grundnahrungsmittel auch in der Diät eine große Rolle. So ist die Dinkelkur die Grundlage für die Behandlung aller Magen- und Darmerkrankungen, der Nierenschonkost und aller Stoffwechselleiden."
Solche Erklärungen werden von außerhalb des Hildegard-Bundes stehenden Medizinern mit Skepsis betrachtet, weil oft schwere, unheilbare Krankheitsbilder genannt werden, die ausschließlich mit der Hildegarddiät geheilt worden sein sollen.
Der Hildegard-Forscher und Arzt Dr. Gottfried Hertzka schreibt zum Beispiel in seinem Buch: "So heilt Gott: "Ich habe mir immer vorgenommen, wenn ich jemals Krebs bekommen sollte, dann ziehe ich mich auf eine Almhütte zurück, setze mich ausschließlich auf Dinkelkost und dann wollte ich sehen, wer der Stärkere ist."
Galgant:
(Alpinia officinarum HANCE.) war zu Hildegards Zeiten sehr teuer und kostbar. Er kam über die erwähnten arabischen Handelskanäle aus China. Die Heilige empfiehlt Galgant bei dem dreitägigem Fieber, "Gebrechen der Lunge", Magenschmerzen und vor allem bei "Herzweh": "Wenn schlechte Säfte in den Eingeweiden und in der Milz eines Menschen überhandgenommen und dem Herzen durch Schwarzgalle viel Leid zugefügt haben, soll er Galgant und Bertram (Farn, Anm. d. Autors) zu gleichen Gewichtsteilen nehmen und ein Viertel von jedem einzelnen von ihnen weißen Pfeffer oder, wenn er keinen weißen Pfeffer hat, viermal soviel Pfefferkraut und stoße dies zu Pulver ..." Das ganze wurde mit Bockshornkleesaft vermischt, mit Sonnenwärme zu Kuchen gebacken und "sowohl nach dem Frühstück als auch nüchtern" gegessen.
Im gesamten Fernen Osten ist Galgant seit Jahrtausenden ein beliebtes Gewürz und Heilmittel. Der Name wird von chinesischen "liang-kiang" abgeleitet (milder Ingwer). Auch die Ayurveda-Ärzte in Indien kannten die Heilpflanze. In Ostasien werden in ihrer medizinischen Wirkung drei verschiedene Galgant-Arten unterschieden. Da die westliche Medizin sich sehr viel von den Inhaltsstoffen dieser Pflanze verspricht, sei ein kleiner Abstecher in die Ethnobotanik erlaubt. Orang Aslis, Angehörige der Urbevölkerung Malaysias, die ich letztes Jahr im Dschungel besuchte, und denen ich eine Zeichnung der Galgantwurzel zeigte und den indischen Namen "Kula Yoga" nannte, führten mich in den Garten. Dort wuchs neben vielen anderen Kräutern die bis zu zwei Meter hohe und orchideenähnlich blühende Galgantpflanze.
Die malaysischen Volksmediziner verwenden Galgant interessanterweise heute noch ebenso wie Hildegard von Bingen. Es finden sich sowohl die Anwendungsgebiete "Fieber" als auch "Magenschmerzen".
Im "Dictionary of Malayan Medicine" wird Galgant kombiniert mit Ingwer bei Kindbettfieber empfohlen. Saft aus Lengkuas genanntem Galgant wird zusammen mit weißem Pfeffer und Salz bei Meteorismus empfohlen.
Wer morgens unter Magen-Darmschmerzen leidet, nimmt nach dem Aufstehen drei Scheiben frischer Galgantwurzel mit drei Scheiben Gelbwurz (Curcuma longa, indische Zingiberazeenart), drei Zwiebelscheiben, drei Knoblauchzehen und sieben Körner von weißem Pfeffer.
Andere Galgant-Arten wie Lengkuas kechil empfehlen malaysische Ärzte bei Brustschmerzen, nach einer Kindsgeburt wird den Frauen ein Brei aus Galgant-Blättern auf den Bauch geschmiert.
Eine besonders Cineolreiche Variante der Pflanze, Lengkuas raya, nimmt man in Perak - einem malaysischen Bundesstaat - bei Schwindelanfällen.
In der malaysischen Volksmedizin gilt die kleinere, medizinisch wirkungsvollere Galant-Art, die ausschließlich in China wächst und auch in Malaysia von dort importiert wird, wie übrigens bei dem berühmten (Ende des 11. Jahrhunderts in Malaga in Spanien geborenen) arabischen Arzt Ibn-al-Baytar, als Aphrodisiakum. Sie heißt dort lenkuas China.
Eine interessante und vielversprechende Entdeckung machten letztes Jahr jedoch deutsche Forscher. Sie wiesen nach, dass im Galgant enthaltene ätherische Öle (Cineol und Eugenol) in der Lage sind, verklumpte Blutplättchen aufzulösen. Auch Versuche in Kliniken laufen bereits. Möglicherweise weisen diese Erkenntnisse einmal zu einem Medikament, das Herzinfarkt verhindern oder seine Folgen lindern kann. Auch japanische Forscher haben in der Wurzel jetzt die schon von Hildegard behaupteten herzwirksamen Stoffe festgestellt.
In volksmedizinischen Werken im Fernen Osten habe ich - soweit sie in Englisch übersetzt und mir zugänglich sind - ebenso wenig wie in den europäischen einen Hinweis auf herzwirksame Inhaltsstoffe in der Galgantwurzel gefunden. Nur Hildegard von Bingen hat das, was die Wissenschaftler bereits vor 800 Jahren beschrieben, in ihren medizinischen Büchern dargestellt. Religiös orientierte Mediziner sehen auch in diesem Umstand den Beweis, dass die Heilige ihre Kenntnisse auf übernatürliche Weise bekam.
Dr. Wighard Strehlow, Inhaber einer "Hildegard-Praxis" am Bodensee und Verfasser einer Monographie über Galgant, schrieb mir wörtlich dazu: "Damit haben wir einen anderen Beweis für die Richtigkeit unserer Aussage, dass Hildegard aus visionären Quellen geschöpft und ihr Wissen nicht von anderen Büchern abgeschrieben hat."
In der erwähnten Monographie, die für Galgant bereits entworfen wurde, werden getrocknete pulverisierte Galgantwurzeln bei Magen-Darmbeschwerden, Appetitlosigkeit, Verdauungsschwäche, Meteorismus und sogenanntem "Gastrocardialem Symptomenkomplex" empfohlen. Beim letzteren ist das sogenannte "Roemheld-Syndrom" gemeint, also durch stark gefüllten Magen oder starke Blähungen verursachte Herzbeschwerden.
Aus der Volksrepublik China importierter Galgant ist übrigens bereits Bestandteil von Destillaten wie Melissengeist und von Magenmitteln.
Holunder:
(Sambucus nigra L.) (Abb. 3), der nach altem Volksglauben die Familie vor Feuer und Seuchen schützt, wurde bei Hildegard als schweißtreibendes Mittel verordnet.
Bekannte Wirkstoffe in den Blüten sind ätherische Öle, Glykoside wie Rutin, Isoquercetin und Hyperosid sowie Gerbstoffe und Schleim. Sie wirken - wie Hildegard richtig sagte - schweißtreibend. In den verdauungsanregend wirkenden Beeren finden sich Zucker und viele Vitamine. Rinde und Blätter enthalten Glykoside, Alkaloide, Bitterstoffe, Gerbstoffe.
Hopfen:
(Humulus lupulus L.), seit Ausgang des Mittelalters vor allem zur Bierherstellung benutzt, gilt in den Hildegardschen Werken als Mittel zur Haltbarmachung der Getränke. Außerdem hat die Äbtissin den beruhigenden Effekt der Pflanze erkannt. Auch heute ist der beruhigende Effekt wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt.
Königskerze:
Die Königskerze (Verbascurn thapisforrne SCHRAD.) war früher ein Symbol der Königswürde. Außerdem wurde die Pflanze der Jungfrau Maria zugeordnet. Sie trägt auf vielen Darstellungen eine Königskerze in der Hand, den "Himmelsbrand".
Viele Hildegard Rezepte enthalten Königskerzenblätter. Bei Lungenschmerzen werden sie zum Beispiel mit anderen Kräutern in gutem Wein gekocht und durch ein Tuch geseiht: "Trinke zwei bis drei Wochen lang ein wenig nüchtern. Ebenso auch kannst du es nach dem Essen trinken, so lange, bis du wieder gesund sein wirst." Auf die Genitalien gelegte Blätter sollten auch Menstruationsbeschwerden beseitigen. Auch in einem Mittel gegen Bandwürmer sind die Blätter enthalten. Die Flavonoidglykoside gerade aufgegangener Blüten und Blätter wirken harntreibend, der Schleim und die Saponine auswurffördernd und schleimlösend. Sie sind heute Bestandteil von Präparaten zur Bekämpfung von Erkältungskrankheiten.
Lungenkraut:
(Pulmonaria officinalis.) (Abb. 4), das ebenfalls zu den Marienpflanzen, zählt ist auch von Legenden umwoben. Wie die weißen Streifen in der Mariendistel sollen auch die weißen Flecken auf den Grundblättern der Legende nach entstanden sein, als Muttermilch der Muttergottes beim Stillen des Jesuskindes darauf tropfte. Soll bei Lungenschmerzen genommen werden. Wörtlich heißt es bei der heiligen Hildegard von Bingen: Bei Lungenschmerzen "Lungenkraut nehmen und mit Wasser kochen ... das so Gekochte in einen Topf füllen und durch ein Sieb seihen und im Laufe der Woche trinken".
Ein anderes Mal wird die Heilpflanze benötigt, "damit der Mensch Sinnenlust und fleischliches Begehren bei sich zum Erlöschen bringe". Im Mittelalter wurde die Pflanze bei schweren Erkrankungen der Lunge eingesetzt. Dafür gibt es jedoch keine pharmakologische Begründung.
Gerbstoffe der Pflanze wirken stopfend. Der Saponingehalt ist jedoch sehr gering, so dass Lungenkraut bei Lungenkrankheiten im weiteren Sinne (etwa Husten) auch nur geringfügig wirken kann. R.F. Weiß schreibt in seinem Lehrbuch der Phytotherapie: "Trotz seiner alten Wertschätzung können wir ihm keine erhebliche praktische Bedeutung zuerkennen, wenigstens nicht als auswurfförderndes Mittel." Lungenkraut ist aber Bestandteil zahlreicher Präparate gegen katarrhalische Bronchialerkrankungen, akute und chronische Bronchitis, Heiserkeit, Reizhusten, Zugabemittel bei Asthma und Grippe.
Mariendistel:
(Sylybum marianum L.) wird bei der heiligen Hildegard von Bingen bei "Seitenstechen" (Leber!) und Herzstechen empfohlen. Schon seit fast 2000 Jahren wird die Mariendistel bei Leberbeschwerden verordnet. In allen berühmten Kräuterbüchern des Mittelalters wurde dies erwähnt. Dann aber geriet die Pflanze in Vergessenheit. Nur der Arzt Johann Gottfried Rademacher (1772 - 1849) propagierte sie und fertigte daraus die sogenannte "Rademacher'sche Tinktur", die bei Leber-, Milz- und Gallenleiden verwendet wurde. Rademacher galt jedoch zu seiner Zeit als ausgesprochener Außenseiter - was aus dem Titel seines Lebenswerkes schon hervorgeht: "Rechtfertigung der von den Gelehrten misskannten, verstandesrechten Erfahrungsheillehre der alten scheidekünftigen Geheimärzte".
Rademacher hatte für jedes Organ ein Heilkraut oder Heilmittel. Für die Leber war dies - nicht unzutreffend, wie sich später herausstellte - die Mariendistel.
Erst zwischen den beiden Weltkriegen interessierte sich die Wissenschaft wieder für diese interessante Pflanze. Und 1968 gelang es dann, das Silibinin zu isolieren, jenen Hauptwirkstoff der Mariendistel, der die Leber "schützt". Eine andere Bezeichnung für den Wirkstoff ist "Silymarin", den der Münchner Professor Hildebert Wagner für die Gruppe der Mariendistel-Inhaltsstoffe als "übergeordneten Begriff' wählte.
Untersuchungen am Münchener Max-Planck-Institut und in anderen Laboratorien ergaben, dass dieser Stoff doppelt wirkt. Er "beeinflusst die Membran der Leberzelle. Es kommt zu einer Abdichtung. Silymarin stabilisiert die Membran der Leberzelle gegen das Eindringen von Giftstoffen. Störende Einflüsse, krankheitserregende Ursachen und Gifte können nicht mehr angreifen" (so Professor Wagner). Außerdem wird die Umwandlung von Kohlenhydraten und Eiweiß in eine vom menschlichen Organismus verwertbare Form so verbessert, dass sich das kranke Organ schnell wieder erholt.
Am eindrucksvollsten sind die Ergebnisse von Behandlungen bei Knollenblätterpilzvergiftungen. Diese Giftpilze enthalten Amanitin oder Phalloidin. Beides zerstört die Leber, führt bei rund einem Viertel aller Betroffenen unrettbar zum Tode (bei Kindern sogar bei 50 %). Eine fünf Länder umfassende Studie ergab, dass alle Patienten, die mit dem neuen, isolierten Wirkstoff Silybinin behandelt wurden, überlebten.
Allerdings kann man nicht hundertprozentig beweisen, dass die Giftopfer ausschließlich durch die Mariendistel gesund wurden. Kein Arzt kann verantworten, einen Kranken nur mit diesem einzigen Medikament zu behandeln - so sehr er auch an seine Wirksamkeit glaubt. Wer mit Knollenblätterpilzvergiftung in die Klinik kam, wurde natürlich zugleich mit allen bisher möglichen Therapien bedacht. Er bekam Magenspülungen, Blutwäsche, gegebenenfalls Austauschtransfusionen, Vitamine, Penicillin, Ampicillin usw. In Tierversuchen ließ sich eindeutig beweisen, dass die Früchte der Mariendistel helfen.
Melisse:
(Melissa officinalis L.), von der der berühmte Paracelsus dichtete:
"Melissa ist von allen Dingen,
welche die Erde hervorbringt,
das beste Kräutlein für das Herz,"
hat ihren festen Platz in der Kloster- und Volksmedizin.
Der berühmte Autor Melchior Sebitz der Ältere schreibt in seinen "Sieben Büchern von dem Feldbau und vollkommener Bestellung eines ordentlichen Maierhofs oder Landguts", erschienen in Straßeburg im Jahre 1579:
"Melissenkraut macht das Herz fröhlich, und die traurigen Geister
von melancholischen Gedanken und Phantasien frei ...".
Und ein Autor aus dem 18. Jahrhundert, Johann Karl Gottfried Jacobsson, 1725 in Elbing geboren, beschreibt in seinem technologischen Wörterbuch, in dem die Herstellung von Melissengeist beschrieben wird, das "aus Melissen destillierte Wasser":
"Das Melissenwasser ermuntert und erfreuet die schwermütigen Personen, hilft wider den Schlag ...".
Für die Äbtissin Hildegard besaß die Melisse die "Kräfte von 15 anderen Kräutern". Sie empfahl das Kraut bei Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Magenbeschwerden.
Diese Anwendung ist auch aus heutiger Sicht sinnvoll, wenn man gegenüberstellt, bei welchen gesundheitlichen Problemen das heutige doch recht strenge Arzneimittelrecht den Einsatz von Melissengeist erlaubt.
Hildegard hat zwar viele Arzneimittelzubereitungen auf der Basis von Wein empfohlen, die Möglichkeit der Destillation ist schon lange bekannt arabische Chemiker kannten die bei Arzneimitteln wichtige Destillation von flüchtigen Stoffen bereits im 10. Jahrhundert; doch der Melissengeist, wie wir ihn heute am häufigsten gebrauchen, kam erst später. Er wurde erstmals 1826 von der Barfüßer-Karmeliterin Maria Clementine Marfin destilliert, die von Napoleon aus ihrem Brüsseler Kloster vertrieben worden war. Melissengeist ist inzwischen zu einem der wichtigsten Hausmittel geworden, er befindet sich heute in jeder dritten Hausapotheke.
Die Anwendungsgebiete für Melissengeist sind auch etwas detaillierter beschrieben, entsprechen aber meist in etwa den Empfehlungen der heiligen Hildegard. Besonders genannt werden: nervöse Kopfschmerzen, Wetterfühligkeit, Herzbeschwerden ohne organische Ursache, nervöse Magen und Darmbeschwerden, Unverträglichkeit blähender Speisen mit Völlegefühl, Appetitmangel, nervöse Beschwerden, Spannungs- und Erregungszustände, innere Unruhe, Nervosität, Lampenfieber, Einschlafstörungen, Unruhe vor dem Einschlafen, Menstruations- und Wechseljahrebeschwerden.
Melissenöl beruhigt nicht nur, wirkt krampflösend und bekämpft Bakterien. Gerbstoffe gehen nach neuesten Forschungen mit Eiweißbestandteilen von Viren und Membranen der Körperzellen Verbindungen ein und senken so die krankmachende Kraft von Herpessimplex-Viren. Deshalb hat das Bundesgesundheitsamt bereits eine Creme gegen Herpes zugelassen, deren Inhaltsstoffe ausschließlich von der Melisse stammen.
Minze, insbesondere Pfefferminze:
(Mentha piperita L.) (Abb. 5) wurde gegen Beschwerden der Atemorgane, bei Verdauungsproblemen und äußerlich als Mittel gegen Geschwüre und Krätze angewandt. Ein anderes Rezept empfiehlt eine Minzenart gegen "Üppigkeit": "damit der Mensch Sinnenlust und fleischliches Begehren bei sich zum Erlöschen bringe soll er Bachminze und Lungenwurzel mit der halben Menge Dill und anderen Kräutern in Essig einlegen und zu den Mahlzeiten essen.
Alle Minzenarten enthalten ätherische Öle in unterschiedlicher Zusammensetzung, die krampflösend, galletreibend, verdauungsfördernd, entzündungshemmend, u.U. schmerzstillend wirken. Weit über hundert Arzneimittel zur Schmerzbekämpfung sowie gegen Magen- und Darmbeschwerden, Schmerzen und Erkältung enthalten Wirkstoffe der Minze. Auch die Spirituosenindustrie verwendet sie Pfefferminzblätter für Tees gegen Magen-Darm-Galle-Beschwerden bekamen 1982 ihre Standardzulassung unter der Nummer 1499.99.99.
Pfeffer:
(Piper nigrum L.) ist Bestandteil eines Medikaments gegen Herzweh. Es wird mit Galgant, über den schon berichtet wurde, gemischt. Außerdem ist er in einem komplizierten Rezept gegen Regelbeschwerden enthalten. Auch bei Potenzschwierigkeiten wurde das Gewürz empfohlen. Die Volksmedizin sah im Pfeffer vor allem auch ein Aphrodisiakum. Ein norddeutscher Spruch, den wir bei der Petersilie kennenlernten, bezieht sich auch auf den Pfeffer. In Hochdeutsch lautet er: "Der Pfeffer hilft dem Mann aufs Pferd, der Frau unter die Erd" (letzteres wegen eines vermuteten abortiven Effekts). Man war überzeugt, dass das scharfe Gewürz auch die Geschlechtsdrüsen anregt.
Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die Inhaltsstoffe die Speichel und Magensaftdrüsen anregen.
Schafgarbe:
(Achillea millefolium), die zum Kräuterbüschel an Maria Himmelfahrt gehörte, ist bei der heiligen Hildegard von Bingen in einer Vielzahl von Rezepten enthalten. Bei dreitägigem Fieber sollte ein Teil Schafgarbe mit zwei Teilen Farn in gutem Wein gekocht und beim Eintritt des Fiebers getrunken werden. Bei Nasenbluten wurden ein Teil Dill und zwei Teile Schafgarbe auf die Stirn gelegt. Warme Kräuter (ein Teil Fenchelkraut, zwei Teile Schafgarbe) wurden gekocht und auf die Schläfen gelegt. Ein anderes Rezept galt für Menstruationsstörungen. Neun Teile Preiselbeeren, drei Teile Schafgarbe, ein Teil Raute und zwölf Teile Osterluzei wurden zerstoßen und in Wein gekocht. Weißer Pfeffer, Gewürznelken und Honig kamen nach einem komplizierten Verfahren dazu. Der "klare Trank", der daraus entstehen musste, war "vor und nach dem Frühstück" zu trinken.
Schafgarbe enthält ätherisches Öl mit einem unterschiedlich hohen Anteil an Charmazulen, das auch in der Kamillenblüte enthalten ist, den Bitterstoff Achillin, Gerbstoffe und noch nicht erforschte Bestandteile.
Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass Chamazulen, Kamillenblauöl (in der Pflanze farblos, wird erst beim Destillieren blau), dieselbe Wirkung wie das Kamillenöl hat. Es ist entzündungshemmend und schleimhautberuhigend vom Rachenraum bis in den Darm und wirkt, eingeatmet, auch auf die Lunge. Bei der Schafgarbe kommt dazu aber noch ein Bitterstoff, der Muskulatur und Gefäße anregt.
In dieser Kombination von "Entzündungshemmung" und "Muskulaturanregung" sieht der Nestor der deutschen Pflanzenheilkunde, Dr. R.F. Weiß, die Besonderheit der Schafgarben-Heilwirkung, die sie z.B. zur Behandlung von bestimmten Frauenleiden (vegetative Störungen im Bereich des kleinen Beckens) besonders geeignet mache. Andere Bestandteile wirken krampflösend.
Taubnessel:
(Lamium album L.), auf vielen Marienbildern dargestellt und auch im berühmten Gebetbuch Herzog Albrechts V. von Bayern (1528 - 1579) enthalten, ist neben dem Weißdorn eine der Pflanzen, von der wir nur sagen können, dass die Heilige sie mit großer Wahrscheinlichkeit verwendete. Auch hier findet sich in den mittelalterlichen Schriften ein Name ("binsuge" - Bienensaug), der sowohl für die Melisse als auch für die Taubnessel gelten kann. Beide Pflanzen ziehen Bienen stark an. Bei Herzbeklemmung kann, wie von der Äbtissin erwähnt, auch das Taubnesselkraut helfen, wenn diese durch Blähungen verursacht ist ("Roemheldscher Symptomenkomplex").
Ihre Gerbstoffe, Schleime und das ätherische Öl wirken reizlindernd, blähungstreibend, krampflösend im Magen- und Darmbereich.
Wermut:
(Artemisia absinthium L.) (Abb. 6) tut nicht nur "dem schmerzenden Kopf gut", sagt Hildegard, "sondern lindert auch Gliederschmerzen". Saft mit Honig und Wein, nüchtern getrunken, "klärt die Augen, stärkt das Herz und die Lunge, wärmt den Magen, reinigt die Eingeweide und bringt gute Verdauung". Auch bei Potenzschwierigkeiten sollte das Kraut helfen.
Die Ägypter kennen seine Heilwirkung seit 4000 Jahren. Rezepte daraus sind auch im Papyrus Ebers erwähnt, das um 1500 vor Christi Geburt entstand. Natürlich war die Pflanze auch ein Zauberkraut. In den Mund genommen, bewahrte es eine junge Frau angeblich davor, eine Hexe zu werden. Auch glaubte man bei uns, mit Hilfe von Wermutsbüscheln Regen herbeizaubern zu können: 2316 Jungfrauen zogen einmal auf den Domplatz von Erfurt, um ein Ende der großen Trockenheit zu erflehen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) erwähnt Wermut auch: "... aber es schwächten die vielen wässrigen Speisen so den Magen, dass jetzt Pfeffer und Wermut nur hilft."
Im 18. Jahrhundert kam auch das "Gift der Grünen Stunde". Gemeint war der Absinth, ein aus Wermut, Anis und einigen anderen Kräutern hergestellter Schnaps mit grünlicher Farbe. Das Thujon des Wermutkrauts zerstört auf die Dauer das Nervensystem und führt zu Lähmungen und anderen Krankheitserscheinungen. Im vorigen Jahrhundert genoss man ihn häufig.
Die Zeit von vier bis sechs Uhr nachmittags hieß bei den Parisern damals "1' heure de l'absinth", die "Stunde des Absinth" oder, nach der Farbe des Getränks, "1' heure verte", die "Grüne Stunde".
Berühmte Maler und Musiker gingen an diesem Getränk zugrunde, bevor es in den meisten Staaten der Erde verboten wurde (in Deutschland 1923). Der französische Dichter Paul Verlaine (1844 - 1896) war im Absinthrausch, als er auf seinen Freund und Reisegefährten Rimbaud zwei Revolverschüsse abgab (was ihm dann zwei Jahre Gefängnis einbrachte). Baudelaire, Rimbaud, Toulouse-Lautrec sind weitere Namen von Künstlern, die in der "Belle Epoque" dem Absinth verfallen waren.
Doch vom Absinth wieder zum Wermut. Hildegards Hinweis: "wärmt den Magen" hat durchaus seine Berechtigung. Die Inhaltsstoffe der Blätter und blühenden Triebe (Bitterstoffe Absinthin und bei frischem Kraut - Artabsin, Thujon, Gerbstoffe usw.) fördern die Verdauung, regen die Bildung von Gallensäften an und wirken appetitfördernd.
Allerdings können Überdosierungen Erbrechen, starke Durchfälle, Benommenheit und Krämpfe verursachen. Deshalb sollte man heute mit dem Arzt sprechen, bevor man dieses Naturheilmittel anwendet.
Beifuß:
(Artimisia vulgaris), die Marienpflanze, wird bei der heiligen Hildegard von Bingen äußerlich bei Ekzemen angewandt. Hildegard beschreibt dies unter dem Kapitel "Vom Geschwür" mit den Worten: "Fließen aber am menschlichen Leibe irgendwo aus der aufgebrochenen Haut ohne Anwesenheit eines bösen Geschwürs Tropfen und schlechte Säfte vereint aus, dann soll der Mensch Beifuß nehmen." Aus dem Kraut musste in einem Mörser durch Zerreiben Beifuß-Saft gewonnen werden. Dieser wurde dann mit Honig vermischt und auf die gerötete Stelle geschmiert. "Auch soll er gleich darauf das Klare vom Eiereiweiß darüberstreichen, es mit einem daraufgelegten Tuch umwickeln und dies solange tun, bis er geheilt wird." Außerdem empfahl die Heilige das Kraut zur Verdauungsförderung.
Die Bezeichnung "Mutterkraut" weist darauf hin, dass man das Kraut bei Frauenleiden anwandte. Die alten griechischen Ärzte verwendeten Beifuß auch in der Geburtshilfe.
Bei Hildegard von Bingen findet sich kein Hinweis auf derartige Verwendungsmöglichkeiten. Irmgard Müller meint in ihrem Werk über die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen: "Vielleicht verzichtete sie aufgrund ihrer Kenntnis des möglichen Missbrauchs als Abtreibungsmittel auf die seit der Antike traditionelle Verwendung Beifuß enthält wie der Wermut Thujon, das in größeren Mengen als Abtreibungsmittel wirken würde.
Altem Volksglauben nach vertreibt das Kraut böse Geister. In einer Nürnberger Schrift aus dem 15. Jahrhundert heißt es zum Beispiel: "Bibes, also Beifuß, soll er tragen, so wird er nicht müd' auf dem Weg, und der Teufel kann ihm auch nicht schaden - und wenn jemand in dem Haus litt, Beifuß vertreibt den Zauber".
Ätherische Öle (in den Blättern Thujon und Cineol), Bitterstoffe, in den Wurzeln auch Gerbstoffe, wirken appetitanregend und verdauungsfördernd. Diese Indikation findet sich auch bei Hildegard von Bingen, für ihre anderen Anwendungen haben wir heute keine Erklärung. Wir können Beifuß mit einigen folgenden also unter jene "Hildegard-Kräuter" einreihen, deren Anwendung aus heutiger Sicht teilweise zweckmäßig ist.
Fenchel:
(Foeniculum vulgare NIILLER var. vulgare.) (Abb. 7) gehört zu den Kräutern, die den am Kreuz hängenden Jesus vor Schmerzen und Schwäche bewahrt haben. Nach einem berühmten, altenglischen Neunkräuterspruch ("Nigon wyrta galdon"), erhalten in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts, hat ihn der Gottessohn dann den Armen und Reichen auf "allen sieben Welten" zu Hilfe geschickt.
Konrad von Würzburg, der mittelhochdeutsche Dichter aus dem 13. Jahrhundert, zählt in seinem Werk "Die goldene Schmiede", mit dem er die Jungfrau Maria verherrlicht, auf: "Den venchel (Fenchel) und die minzen, salveien (Salbei) und ruten (Rauten) ...".
Zur Verwendung des Fenchels bei der heiligen Hildegard von Bingen: Das auch als Gewürz verwendete Heilkraut ist Bestandteil einer Vielzahl von Rezepten. Eines ist zum Beispiel bei Alkoholkater vorgesehen: "... er mag Fenchelkraut oder Fenchelsamen essen und er wird sich danach besser befinden, weil die milde Wärme und die gemäßigte Kraft des Fenchels die durch den Wein hervorgerufene Tollheit in ihm bändigen."
Doch: Was ist aus der Sicht der heutigen Labormedizin wissenschaftlich nachgewiesen - Fenchelöl beschleunigt den Schlag der Flimmerhärchen in den Atemwegen und wirkt deshalb auswurffördernd. Die Inhaltsstoffe wirken außerdem gegen Blähungen (als "Karminativum"), beruhigen, regen den Appetit an. Auch eine Wirkung gegen Bakterien wurde festgestellt.
Bei Hildegard wird das Heilkraut mit Süßholz, Galgant, Bockshornklee, Honig und anderen Kräutern auch gegen Herzschmerzen eingesetzt. Bei Hodenschwellungen wird Fenchel mit Bockshornklee und Rinderfett auf die Geschlechtsteile gelegt.
Wer nicht schlafen kann, soll Fenchel mit Schafgarbe kochen und sich die Kräuter auf die Stirn legen (im Winter, wenn kein Kraut zur Verfügung steht, werden statt dessen Fenchelsamen und Schafgarbenwurzeln genommen).
Bei Schnupfen werden die Dämpfe einer Abkochung von Fenchel und Dill inhaliert. Aufgelegt auf Schenkel und Rücken, sollen ausgekochte Fenchelkräuter die Schmerzen bei der Geburt lindern.
Mit Galgant, Muskatnuss und anderen Kräutern wird die Pflanze auch bei "Gebrechen der Lunge" empfohlen. Dann gibt es noch einige Rezepte für Augenwässer.
Mistel:
Die Mistel (Viscum album L.) (Abb. 8), gehört ebenfalls zu den Pflanzen, die zur Zeit Hildegards - und auch schon lange vorher - verwendet wurden, im vorigen Jahrhundert in Vergessenheit gerieten und heute Mittelpunkt intensivster Forschungen sind.
Die Heilige empfahl die Mistel zum Beispiel gegen "Verhärtung der Leber" als Folge einer maßlosen Lebensführung: "Wenn jemand vielerlei Speisen ohne Maß und ohne Auswahl zu sich genommen hat und durch die verschiedenen Säfte dieser Speisen seine Leber geschädigt und hart wird,', soll er nach einer komplizierten Zubereitungsform den Schleim der Birnenmistel mit Huflattich, Wegerichwurzeln und anderen Pflanzenteilen in Wein einlegen. Der Trank war "nüchtern und nach dem Frühstück" zu sich zu nehmen.
Gegen "Schmerzen in der Seite" gab es ein äußerlich anzuwendendes Rezept. Da war pulverisierte Mistel in einem aus Leinsamen und Pfirsichbaumharz gekochten Leim zu geben und mit Hirschmark (ersatzweise auch Talg von einem jungen Stier) zu kochen. Mit der entstandenen Salbe konnte "der Leidende am offenen Feuer eingerieben werden".
Zu Hildegards Zeiten war die Mistel sprachlich gesehen - männlichen Geschlechts. Ein mittelalterlicher Vers sagt z.B.: "Welches Mensch den Eichen-Mistel an der Hand an einem Fingerlein hat, also, dass der Mistel rühret an die bloße Hand, dem kommt der Siechtag, also das Leiden, nicht mehr an."
Heute bekannte Wirkstoffe der Pflanze werden als Flavonoide, Zuckerproteine, darunter besonders das Viscotoxin, Pektine, Alkaloide, eingereiht.
Von besonderer Bedeutung sind der Eiweißbaustein Arginin, Cholin, Acetylcholin, Vitamin C sowie Stoffe, die teilweise noch gar nicht erforscht sind. Auch hat man festgestellt, dass die Mistel in der Lage ist pharmakologisch wirkende Substanzen ihrer Wirtspflanze zu übernehmen.
Nun zur wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkung der Heilpflanze: Die im Saft von Blättern und Zweigen enthaltenen Substanzen Cholin und Acetylcholin sollen - eingenommen eine Blutdrucksenkung hervorrufen, was wissenschaftlich noch nicht exakt darzustellen ist.
Für die medizinische Forschung von größter Bedeutung - nicht aber für die eigenen, unkontrollierte Anwendung sind bestimmte Zuckereiweißstoffe, so das Viscotoxin. Nach verschiedenen Untersuchungen kann dieser zu einer Spritzenlösung aufbereitete Inhaltsstoff offenbar das Wachstum bestimmter Krebsformen hemmen.
Mistelextrakte, die schon Hildegard von Bingen anwandte, stellen keinesfalls das "Wunder-Krebsmittel" dar, können jedoch helfen und berechtigen nach weiteren Forschungen zu gewissen Hoffnungen.
Andere Wirkstoffe beeinflussen entzündliche Vorgänge in den Gelenken sowie für die Arteriosklerose verantwortliche Vorgänge innerhalb der Adern.
An 50 Kliniken Mitteleuropas werden bereits - unter bestimmten Voraussetzungen - Präparate aus Mistelextrakten bei der Behandlung von Krebskranken angewandt. Diese Präparate sind aus auf Apfel-, Kiefern- oder Eichenbäumen wachsenden Misteln gewonnen. Die Therapie kann jedoch nur unter strenger ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Auch Mittel gegen Arteriosklerose (Verdickung und entzündliche Veränderungen sowie Ablagerungen in der Schlagader) enthalten Mistelextrakte, ebenso Präparate gegen Alterskrankheiten.
Insgesamt sind gegenwärtig vom Bundesgesundheitsamt rund 900 verschiedene Mistel-Wirkstoffe enthaltende Medikamente zugelassen.
Zur heute möglichen Anwendung der Hildegard-Rezepte: Schwere Erkrankungen, gegen die man heute Mistelextrakte enthaltende Medikamente einsetzt dürfen selbstverständlich nur unter Aufsicht des Arztes angewandt werden. Keine Selbstbehandlungsversuche! Auch Teeauszüge in kaltem Wasser sind wirkungsvoll. Sie können deshalb auch Nebenwirkungen hervorrufen!
Verschiedene Mediziner empfehlen heute einen Kaltwasserauszug zur Stärkung der Widerstandskräfte des Körpers.
Baldrian:
(Valeriana officinalis L.) gehört zu den Pflanzen, die aus heutiger Sicht nicht ganz zutreffend eingesetzt wurden. Die Heilige empfahl die Pflanze unter anderem als Gichtmittel. Nach der Legende wuchs der Baldrian aus den Blutstropfen, die vom gekreuzigten Heiland auf den Boden fielen.
Auch nach den Zeiten der heiligen Hildegard wurde die "Tinktura Valerianae" bei vielerlei Beschwerden gegeben, nur nicht, wie heute, gegen "Nervosität". Erst im 18. und 19. Jahrhundert wurde der beruhigende Effekt dieser Heilpflanze entdeckt und erforscht. Erst in jüngerer Zeit, in den Jahren 1966 und 1967 gelang es, die inzwischen schon lange durch die Erfahrungsmedizin bestätigten Wirkungen wissenschaftlich nachzuweisen. Baldriantee aus Wurzeln oder Extrakte daraus in den verschiedenen Arzneiformen sind also heute in erster Linie ein Beruhigungsmittel. Für alle anderen Indikationen, auch jene, die Hildegard erwähnte, wurde noch keine Begründung gefunden.
Doch Baldrian ist eine Ausnahme unter Hildegards Heilempfehlungen. Deshalb bleibt zum Schluss die Frage:
Woher stammt das Wissen der Heiligen?:
Es gibt drei verschiedene Theorien, warum Hildegard von Bingen bereits vor 800 Jahren dieses Wissen haben konnte:
Eine Gruppe, dazu zählte der Arzt Dr. Gottfried Hertzka, ist der festen Überzeugung, dass die Mystikerin die Rezepte wie ihre anderen Visionen aus einer anderen Welt diktiert bekam. Dr. Hertzka spricht z.B. wörtlich von der "Sekretärin des Heiligen Geistes".
Dr. Hertzka veröffentlichte Bücher über Hildegards Therapievorschläge, die z. B. den Titel "So heilt Gott haben. Im Klappentext zu "Das Wunder der Hildegard Medizin" heißt es: "In diesem Buch werden die Argumente erhärtet und der unwiderlegbare Nachweis gebracht, dass wir durch Hildegard tatsächlich eine Medizin göttlichen Ursprungs besitzen."
Und im Buch selbst schreibt Dr. Hertzka zur Frage der Quellen: "Für mich ist die Quellenfrage entschieden. Hildegard Quellen suchen heißt, nicht glauben wollen, dass Gott so groß sein kann, wie er es bei Hildegard war ...".
Er zitiert aus den Schriften Hildegards die Textstelle, nach der sie "zum Reden zu ängstlich, zum Erklären zu naiv, zur Schriftstellerei zu ungebildet sei".
Andere glauben dagegen, dass die Klosterfrau ihre Erfahrungen als "erste Frauenärztin Deutschlands" niederschrieb.
Eine dritte Gruppe vermutet, dass die Äbtissin das gesammelte medizinische Wissen der damaligen Klosterwelt niederlegte und mit Hilfe ihrer Sekretäre auch viele griechische und arabische Schriften heranzog. (Die arabische Wissenschaft hatte damals Mitteleuropa stark beeinflusst. Viele wichtige medizinische Werke, etwa von Constantinus Africanus, waren schon vor Hildegards Geburt ins Lateinische übersetzt worden.)
Eine sachlich-naturwissenschaftliche Position nimmt die Marburger Professorin Irmgard Müller ein. Sie hat in ihrem Buch: "Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen" die Erklärungen der Heiligen ebenfalls "mit modernen Vorstellungen und dem heutigen Wissen über die Wirkung der jeweiligen Inhaltsstoffe" verglichen. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass "Hildegard innerhalb der Grenzen ihrer Zeit durchaus vernünftige und sinnvolle symptomatische Therapien betrieben und auf Grund ihrer ganzheitlichen Denkweise eine in sich schlüssige konsequente Krankheitslehre von erstaunlicher Geschlossenheit" hervorgebracht hat.
Die Professorin ist überzeugt, dass sich Hildegards Angaben auf eigene praktische Erfahrungen stützen. Ihre differenzierten Aussagen zur Arzneizubereitung, die sich von Hinweisen auf die Sammelzeit, Bereiten von Pflastern, Abkochungen, Herstellen von Räucherungen bis hin zu Bemerkungen über die Einnahme und Aufbewahrung erstrecken, lassen auf eigene Beobachtungen und Kenntnisse im Umgang mit Arzneimitteln schließen.
Was Dr. Hertzka als Beweis für den übernatürlichen Ursprung der Therapieempfehlungen ansieht, ist für Professor Irmgard Müller ein Zeichen, dass sich die Heilige außergewöhnlich intensiv mit den Drogen beschäftigte. Sie übt, so die Wissenschaftlerin, "besondere Zurückhaltung auch den Nachtschattengewächsen und Narkotika gegenüber", obwohl sie zu ihrer Zeit gegen alles mögliche häufig verordnet wurden. Sie warnt vor dem Gift der Herbstzeitlosen und weiß, daß die Blume für Tiere weniger gefährlich ist, weil diese - wie inzwischen bekannt ist gegen deren Zellgift widerstandsfähiger sind.
Der "Versuch, auf der Grundlage der Rezepte Hildegards ein neues Naturheilverfahren, die sog. Hildegard-Medizin, zu etablieren", wird von Professor Irmgard Müller als "zweifelhaft und unangemessen" bezeichnet.
So entschieden ist mein Standpunkt nicht. Eine sog. "Hildegard-Medizin" gibt es. Ärzte behandeln nach den Vorschriften der Heiligen, viele tausend Patienten sind überzeugt, durch diese Behandlung gesund geworden zu sein.
Möglicherweise vertritt jede Gruppe wie dies im Leben öfters geschieht einen Teil der Wahrheit. Sicher hatte die Heilige persönliche Erfahrung mit der Krankenpflege. Dies war damals ja differenzierten Aussagen zur Arznei - eine wichtige Aufgabe der Klöster, sozusagen ihr "Job", der auch nicht besonders erwähnt werden musste. Und sicher hat die Frau, die mit so vielen Kapazitäten korrespondierte, auch damals bekannte Quellen genutzt.
Kenner aller Werke Hildegards weisen darauf hin, dass es große Unterschiede zwischen ihren theologischen Werken und den beiden eher ganz sachlich verfassten medizinischen Büchern gibt. In den letzteren fehlen die vielen Bezüge zu biblischen Textstellen, die sich in den theologischen Büchern finden.
Besteht Hildegards Werk also aus einem mystischen Teil, der eine Offenbarung Gottes darstellt und einem gut gemachten medizinischen Ratgeber?
Auch die beiden medizinischen Bücher enthalten - trotz einiger Fehler, die aber auch von Copisten eingefügt worden sein können - außerordentlich viele aus heutiger Sicht zweckmäßige Zubereitungsempfehlungen. Sie konnte dies weder durch die Volksmedizin erfahren noch griechischen, römischen oder arabischen Quellen entnehmen. Sicher verfügte sie über die Gabe der Intuition, womit man - je nach religiösem Standpunkt - eine göttliche Offenbarung ebenso beschreiben kann wie übersinnliche Erkenntnisprozesse, deren Ursprung nicht zu erklären sind.
Anschrift des Verfassers:
Karl Heinz Reger
Heinrich-Kröller-Straße 17
81545 München
(Anm. d. Red.: Die Abbildungen sind entnommen aus: Lindemann, G., Heilpflanzen, Ravensburg 1954)
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